Tannhäuser, Deutsche Oper Berlin, 2022-02-12

Den Tannhäuser an der DOB hatte ich mir vor Jahren schon einmal angetan, damals mit Andreas Schager in der Titelrolle. Meine Meinung über die Produktion habe ich damals auf Facebook dargelegt; sollte ich den Artikel nochmal finden, werde ich ihn hier verlinken. Die Inszenierung war jedenfalls nicht so, dass ich sie unbedingt noch ein zweites Mal hätte sehen müssen. Aber nun war Stephen Gould der Tannhäuser. Gould kannte ich bislang nur von der Konserve. Er ist einer der führenden Heldentenöre im deutschen Fach, und alleine deshalb wollte ich ihn auch einmal live erleben. Und wenn ich auch eher ins Zwischenfach strebe, wollte ich auch dem berühmten Kollegen einmal bei der Arbeit zuschauen in der Hoffnung, etwas zu lernen. Ich werde also im Folgenden den Spot auf Gould setzen und alles Andere nur am Rande erwähnen.

Aller Anfang ist schwer

Es begann, wie es immer in der Bismarckstraße beginnt: Furchtbar. Noch in der ersten Zeile des Klavierauszugs kieksten die Hörner in der Ouvertüre mehrfach. Immer noch auf der ersten Seite bemühte sich das Holz gleichzuziehen. Und auch der Held des Abends schien in ähnlicher Verfassung zu sein, ich beschäftigte mich also, wissend, dass wenigstens das Orchester sich schnell von den Startschwierigkeiten erholen würde, mit Fluchtplänen für die erste Pause. Während Camilla Nylund wieder einmal trotz venusianischen Zornes göttliche Wohlklänge verströmte, konnte ich nicht fassen, wass ich von Gould hören musste. Ja, ein fantastischer Stimmklang, wunderschön. Ja, ein beneidenswertes Volumen, squillo, Bühnenpräsenz, und was sonst noch einen Wagnertenor von Weltrang ausmacht. Aber was hat er damit gemacht? Fast jeden Ton einzeln gesungen. Schön, aber einzeln. Keine Kantilene, keine Bögen, kein Legato, ständig irgendwo zwischen Portato und Staccato. Die Dynamik richtete sich hauptsächlich nach der Tonhöhe statt nach Zählzeit oder gar Zusammenhang. Ich muss gestehen, ich hatte vollstes Verständnis für Frau Venus, dass sie ihn hat ziehen lassen. Und dann – das Wunder: kaum erreichte Tannhäuser wieder die irdische Welt, fand er auch sein Legato wieder.

Aber dann wurde es ein Fest

Den Rest des Abends gestaltete Gould so, wie man es erwarten und stellenweise nicht einmal hoffen durfte: Er spielte seine stimmlichen Fähigkeiten und gestalterischen Erfahrungen voll aus. Ein Genuss! Schon im Ensemble am Ende des ersten Akts, als er seinen alten Gefährten begegnet, macht er die Venusberg-Katastrophe völlig vergessen. Ja, er gehört nicht zu denen, bei denen das Fortissimo der Spitzentöne leicht klingt, man hört die Kraft dahinter und gelegentlich auch die Anstrengung. Aber er kommt durch ein Ensemble von auch nicht gerade kleinen Stimmen (Landgraf: Ante Jerkunica, Wolfram: Markus Brück, Walther: Clemens Bieber, Biterolf: Joel Allison, Heinrich: Jörg Schörner, Reinmar: Tyler Zimmermann) problemlos, wenn auch nicht immer mühelos, durch. Erster Höhepunkt des Abends aus heldentenoraler Sicht dann der Sängerkrieg: Ein gut aufgelegter Tannhäuser, der seine lebensfrohe Sicht auf die Liebe auch akustisch über die papierne Angst vor der Tat der Kollegen siegen lässt, komme, was da wolle.

Und dann die Romerzählung. Egal, wen man als Tannhäuser hört, ob Neuling oder altes Schlachtross, ob Rollenvorbild auf Jahrzehnte oder Fehlbesetzung: Die Romerzählung hat jeder bis auf’s letzte Komma studiert. Und auch Gould steigert sich hier nochmal von richtig gut zu außergewöhnlich. Gesangstechnisch hört man ihm die häufigen Bayreuth-Aufenthalte an, und sein Stimmpfleger wird beim (wohldosierten) Einsatz des eigentlich anachronistischen bayreuth bark Angstzustände bekommen. Aber künstlerisch ist’s ja sowas von überzeugend. Diese Verzweiflung, diesen Ekel, diesen ganz und gar gebrochenen Menschen habe ich noch nie so emotional vollkommen dargestellt gehört.

Der Rest des Ensembles hatte Schwierigkeiten, mit diesem Niveau mitzuhalten. Mit Ausnahme von Camilla Nylund natürlich, die eine ebenbürtige Venus/Elisabeth gab. Die Rolle des Wolfram ist etwas undankbar; in den Ensemblestellen kann er nichts zeigen, sein Beitrag zum Sängerkrieg ist brav, der „Abendstern“ ist ein Kinderlied. Was Brück kann, hat er dann in den Dialogen um die Romerzählung herum zeigen können, als er mit Gould klanglich und dramatisch durchaus mithalten konnte. Alle anderen: hohes Niveau, deutlich mehr als nur Abonnementstheater, aber der Funke ist zumindest zu mir nicht übergesprungen. Nicholas Carter hat sein Orchester künstlerisch gut im Griff, nur mit der Gleichzeitigkeits ist’s seit Einstein so ’ne Sache … Zur Inszenierung schweige ich, mein Arzt hat mir Aufregung verboten. Ein Scherz besonderer Art war die Applausordnung, bei der die einzige Konstante die Uneinigkeit darüber war, wer als nächstes wohin geht.

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